Christoph Wieprecht (1875 - 1942)

Ein christlicher Arbeiterschriftsteller

"Der heutige Leser, (der Leser zu Beginn des 21. Jahrhunderts) wird einerseits einige Schwierigkeiten mit den Werken Christoph Wieprechts haben, andererseits aber auch von der geistes- und sozialgeschichtlich äußerst wirksamen Position der Werke Christoph Wieprechts gefesselt sein.
In den Gedichten, Sprechchören und der Prosa Christoph Wieprechts entsteht ein absolutes Gegenbild zu der Entwicklung die nach 1945 vor sich gegangen ist. Verschwindet in dieser Zeit der Arbeiter ununterscheidbar in der Bevölkerung als ein Arbeitnehmer wie die anderen auch (Angestellte, Beamte etc.), so erscheint im Werk Wieprechts der Arbeiter als Herold des Fortschritts, allerdings mehr des technischen als sozialen, der dem Volk voranschreitet....
....Das hier einer schreibt, der die Situation des Arbeiters in Jahrzehnten selber erfahren hat, macht seine Authentizität aus, die aus manchen der Gedichte spricht. Seine christliche Glaubenshaltung führte dazu, dass er im politischen und gewerkschaftlichen Bereich sich beim Volksverein und beim christlichen Metallarbeiterverband engagierte. Sein katholischer Glaube prägte aber auch seine schriftstellerische Position. Die Arbeit wird selber von ihm als Religionsausübung gesehen......"
Aus dem Vorwort zu "Kleine Werk-Anthologie mit Verzeichnis des Wieprecht-Nachlasses im Fritz-Hüser-Institut", Dortmund 1993 von Rainer Noltenius.

So steht es dort - und so ging es auch mir als ich damit begann, mich näher mit dem Geschriebenen meines Großvaters zu befassen. War ich doch durch und über die Arbeit in der Gewerkschaftsjugend in der IG Druck und Papier, zur Literatur der Arbeitswelt der sechziger und siebziger Jahre, wie z.B. Günter Wallraff, zum Lesen und zum Nachdenken gekommen. Dort sah man es als Aufgabe des Schreibenden an, die Darstellung der Situation abhängig Arbeitender mit sprachlichen Mitteln gesellschaftlich bewusst zu machen, und so zu einer demokratischen Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse beizutragen.
Und nun der Roman "Nachtgesang" und die Gedichte meines Großvaters, in denen nicht nur die Situation des Arbeiters verherrlicht wurde, sondern auch der Arbeitgeber. Und schließlich in der Zeit des 1. Weltkrieges sogar zum Verherrlicher der Rüstungsindustrie und später sogar der politischen Führer wird. Ich legte also die paar Bändchen wieder beiseite, weil ich es nicht verstand, - weil es nicht in mein Weltbild passte.
Erst später griff ich wieder in den Schrank, in dem die Bücher, trotzdem wohlbehütet, lange Zeit unberührt standen. Mit dem geschichtlichen Hintergrund, den Blick auf die Sozialisation der damals Lebenden und dem Abstand zur eigenen Sturm- und Drangzeit begann ich wieder zu lesen. Allem voran der autobiografische Roman "Nachtgesang". Wenn ich jetzt hier und heute das Werk meines Großvaters Christoph Wieprecht vorstelle, so gehören auch seine Sichtweisen, Ideologien und seine heute nicht mehr aktuelle Sprache dazu.

Etwas zu verschönigen oder gar wegzulassen, aus ideologischen oder auch anderen Gründen, wäre Geschichtsverfälschung.

Wer mehr wissen und lesen möchte über den Arbeiterschriftsteller Christoph Wieprecht, der wende sich an das Fritz-Hüser-Institut in Dortmund.
Vielleicht ist es auch möglich, über die Stadtbibliotheken die Gedichtbände und den Roman auszuleihen. (Fernleihe)