Sie kamen

Von den jungen Ulmen der Arbeitersiedlung raschelten die letzten braunen Blätter. Sie stand erst ein Jahr - diese Siedlung mit den Ziegelsteinhäusern, den rechtwinkligen Wegen, den offenen Bleichplätzen und den Schwarzdornhecken. Sie sollte den Tausenden, die aus allen Gegenden zur Industriearbeit herangeholt werden, ein Stück Heimat werden. Und sie kamen - Männer vom Lande - ungebrochene Naturen, baumstarke Kerle. Aus Westfalen und Hessen, aus dem Rheingau, aus Ost- und Westpreußen, Posen, Schlesien und Sachsen, lösten sich los vom Jahrhunderte alten Erbe, um Hammer und Ofenhaken, Esse und Maschine gegen Pflug und Egge umzutauschen. Familien hatten sie mitgebracht - Frauen, Kinder - kleine und große.

Auch Alois Klaus hatte die tanzende Fata morgana geschaut. In Sachsen, auf dem Eichsfelde, war er zur Welt gekommen. Früh verwaist, war er Ackerknecht geworden, hatte ein wenig das Land durchwandert, war dann nach Berlin gekommen, wo er mit fünf Silbergroschen in der Tasche voller Wehmut durchs Brandenburger Tor zog und war dann zurückgekehrt, um das Reich der Riesenschlote und Hochöfen als rettenden Hafen anzulaufen.

Es war ihm geglückt. In der Mitte der Kolonie hatte man ihm vor einem Jahre Wohnung gegeben, zwei kleine Zimmer im zweiten Stock. Sechs Jahre hatte er mit seiner Frau in alten Gassen der Stadt auf Dachzimmern gehaust, verfolgt von Krankheit und Not.

(Auszug aus dem autobiographischen Roman "Nachtgesang", 1924, Otto Schlingloff-Verlag, Essen)