Wo kommst du her?

Er stand schüchtern, die Holzschuhe seines Vaters unter dem Arm, in dem dunstigen kleinen Raum, welcher der Herstellung von Geschossen diente. Zwei Öfen von der Größe zweier Bahnwärterbuden standen darin, die eine ihm unerträgliche Hitze verspien. Daneben standen drei hydraulische Pressen. Aber schon schleppte man weitere Teile zum Aufbau neuer Pressen heran. Diese wie die alten waren englische Fabrikate. Martin meldete sich beim Vorarbeiter, der ihn mürrisch an die Ofentür wies und ihm eine Zange in die Hand gab. Man preßte kleine Feldgeschosse im Gewichte von zehn Pfund. Martin mußte nun jedesmal, wenn ein Geschoß gelocht war, die Ofentür ziehen und einen weißglühenden Stahlbutzen mit der Zange vor die Presse werfen. Der Schweiß rann ihm über den ganzen Körper. Nach der Kaffeepause zog er das Hemd aus, da auch die andern nur Kittel, Hose und Schürze trugen.

,,Wo kommst du her - von der Polackei und willst helfen, hier alles verderben? Wir haben Klugscheißer genug - ,,, redete ihn ein rothaariger, wild aussehender Geselle, der einheimischen Dialekt sprach, an.

,,Ich verderbe euch die Arbeit nicht - ,, beteuerte Martin, Dialekt redend, ,,ich bin ein Hiesiger und froh, wie ihr alle, wenn ich ein paar Mark verdienen kann. Mein Vater hat der Firma ausgedient, seine Knochen sind kaputt; jetzt komme ich dran."

,,War dein Alter auch hier?" forschte der Rotköpfige.

,,Nein, er ist drüben im Martinwerk, fegt den Bau und streicht die Formen mit Teer und Graphit. Er ist bald erledigt und meine Mutter auch. Ich dachte ja auch, ich hätte was Leichteres gefunden, aber was soll ich machen -- ,, und Martin erzählte von seinen Verhältnissen.

,,Wie sollen wir dich nennen?" fragte der Rothaarige und faßte Martin beim Haarbusch.

,,Martin Klaus."

,,Weißt du - Martin - das ist so - meine Alten sind von hier und haben einen Kotten, den sie beackern. Es sind ja wenig Menschen von hier, und mit jedem neuen Kerl, den sie aus dem Osten herschleppen, wird es schlechter. Früher hatten wir noch einen kleinen Eichenbusch am Hause, aber da steht jetzt ein Kohlenschacht, der uns Dreck und schwarze Brühe als Badewasser liefert. Weiß der Teufel, wie das noch enden soll. Statt ein paar Groschen mehr für ein Pfund Fleisch geben sie uns lieber Schnaps, damit wir im Dusel drauflos arbeiten. Den Balg lügen sie einem voll, es würd' Geld verdient, und wenn der Lohntag kommt, guckt man in den Mond. Die Lohnschere hängt immer fertig. Na - du wirst ja sehen. Du verdirbst noch nichts; wir beide sollen schon auskommen miteinander. Also zieh' mal die Tür -,,

Und Martin zog die Ofentür hoch, faßte das zehnpfündige glühende Stahlstück mit der Zange und warf es der Presse zu. Diese drückte nieder, Graphitstaub und Schlacke wirbelten über grünen Flammen hoch, und das Geschoß hatte seine Gestalt.

In der Pause schritt Martin das hintere Gelände des Riesenbaues ab, in dem außer dem kleinen Preßraume in großen, glasüberdachten Hallen Martinöfen und Schweißöfen, große Schmiedepressen, Bearbeitungsmaschinen und eine große Walze standen. Dahinter trauerten im Schlackenboden die letzten Reste der Natur - Huflattich, Schafgarbe und einige Bruchweiden. Wehmütig wie ein Eingekerkerter betrachtete Martin das sterbende Leben im Rauch der Schlote.

Mittags durfte er nun nicht mehr nach Hause. Er mußte sich, wie alle Feuerarbeiter, das Essen bringen lassen. Und Christine hatte sich damit auf den Weg gemacht. Hustend stand sie am Tor. Martin sollte ihr gleich alles erzählen, doch dazu langte seine Zeit nicht.

,,Bis heute abend, Mutter - ,,sagte er und blickte ihr lange sinnend nach, als sie die Straße hinunterhumpelte. Dann rief ihn die Pflicht. Die Pressen sausten - die Fundamente dröhnten, und über dem Dache schossen in weißen Ringen die Dampfwolken auf.

(Auszug aus dem autobiographischen Roman "Nachtgesang" , 1924, Otto Schlingloff-Verlag, Essen)