Christoph Wieprecht 

Gedichte

 

 

 

 

 

 

 

Zeichnung von August Oppenberg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Dichter

Ich bin kein Weltprophet, der breite Wege weist - ,
Ein rufend Suchender in dunklen Tiefen
Bin ich ein Mensch, den sein Geschick zerreißt,
Der Körnlein sammelt, die im Spalte schliefen.
 Ein Schürfer bin ich in der Seelentiefstem Schacht,
Der oft mit blutzerriss´nen wunden Händen
Erschrickt vor seiner eig´nen Seele Wetternacht
Und angstvoll klopft an ihren Kellerwänden.
Dann tropft ein Lichtlein wohl durch schmale Spalten
Im Augenblick der höchsten Seelennot;
Ich fasse, berge ihn, um zu gestalten,
Umbraust vom wilden Erdenlied - nach Brot.

Auch mich hat einer Mutter Leib geboren
In Schmerz und Freude, die nach Leben schrie;
Ein Vater zeugte mich, der sich verloren
Im Werkgebraus der Erdensynfonie.

Und doch ist meine Seele Weltgesang,
Denn ich bin anders, als die vielen andern;
Ihr seht mich einsam meine Wege wandern
In wildem Schmerz, Im Jubelüberschwang.
Bin morgen längst nicht mehr der Mensch von heute,
Und heute nicht das, was ich gestern war;
Ich bin der Stunde ewig neue Beute,
Heut´ Wurm und morgen stolzbeschwingter Aar.
Mich reißen Berge, Wälder, weiße Horizonte,
Mich schwingen Silberquellen, Strom und Meer,
Ich trinke Sinn aus Taten um mich her,
Die längst ein ander nicht mehr fassen konnte.

Sie nehmt mich hin. Ich bettle nicht um Gnade;
Traf meine Harfe eure tiefste Brust.
Sang euren Schmerz sie, eure höchste Lust,
Dann forschet nicht nach meinem dunklen Pfade,
Zerknittert nicht der Schönheit zarten Schleier,
Den ich aus Silberlicht und Blüten wob;
Ein Gottesdienst sei meine Seelenfeier,
Die mich und euch vom Staub der Erde hob.

 

Mittag am Fabriktor

Bleich steht er da - doch stolz und hochgereckt,
die braungesetzte Mütze schräg aufs Ohr gedeckt,
den Blusenärmel bis zum Muskel aufgestreift,
indes sein Blick wie suchend in die Ferne schweift.
Dort drüben wogt´s, das Meer von Rauch und Qualm.
Er saugt die Straßenluft wie Blütenrausch der Alm.
Ein Sommertag.
Noch tropft von seiner Stirn der Schweiß,
und seinen Kittel schmückt der Arbeit Edelweiß.
Wer bringt ihm heute wohl die Speise her?
Sein Weib? Sein Kind? Er starrt ins Menschenmeer . . .
Dort schiebt sich´s eilig wie ein Kätzchen durch den Schwarm,
sein Mädel ist´s - ein Täschchen hängt am Arm.
Die schwarzen Augensterne irr´n voraus
vom Haldenhang bis hin zum Elternhaus -
jetzt steht´s beim Vater, schaut beglückt ihm an -
um beide schlingt sich süß ein Zauberbann.
Und nieder beugt er sich, trotz Hitze, Staub und Ruß,
ein Händedruck und dann - ein herz´ger Kuß.

Christoph Wieprecht liest "Mittag am Fabriktor"
Tondokument

 

Das Kind

Der Himmel trauert schwarz und sternenlos;
Und doch - wir schauen tiefer in die Ferne:
Am Horizont ein Kranz erwachter Sterne -
Die lächeln auf das Kindlein nackt und bloß.

Das Kindlein, das uns immer neu geboren -
Es schwebt mit uns durch Zeit und Völker hin;
Was wäre aller Ewigkeiten Sinn,
Ging dieses Kindlein für die Tat verloren!

Und einmal wird kein Kreuzholz mehr errichtet,
Der Myrrthenkelch birgt dann den edlen Wein;
Den trinken wir, wenn ganz die Nacht gelichtet -
Kommt, laßt uns selbst des Kindleins Retter sein!

 

 

 

Das Kleinste

Du liebes kleines Mädchen du,
Machst mir das Leben leicht.
Zeigt nur ein Wölkchen sich, im Nu
Hast du es fortgescheucht.

  Frühmorgens, wenn der junge Tag
Mich ruft zu strenger Pflicht,
Es öfter wohl wie Finkenschlag
Von deinem Bettchen bricht.

Dann plapperst du so lieb, so traut
Und schaffst mir frischen Mut
Durch das, was du im Traum geschaut,
Du herzig junges Blut.

Befreit die Mittagsstunde mich
Vom Tosen der Fabrik,
Dann freue ich mich königlich,
Begegnet mir dein Blick.

Doch abends wird dein Mündchen gar
Zu einem Wunderquell;
Dann strahlt dein kleines Augenpaar
So glückverheißend hell.

Was auch des Tages schwere Last
Mir gab an Harm und Leid,
Vor solchem Lichte schnell verblaßt,
O lieblich-schöne Zeit!

 

  Du

Und ob ich auch suche und suche
Und blättre immerzu
In unserm Lebensbuche,
Ich lese immer: Du!

Ich lese Du: - und fühle
Wie nahe du mir bist
Wie du im Weltgewühle
Die Stunde nicht vergißt:

Die Stunde, da wir uns schenkten
Im Blütenwunderkranz,
Die Lebensfackel schwenkten
Im jubelnden Maientanz.

Ich lese: Du - und presse
Dich heiß an das wilde Herz;
Du - Du - daß ich dich vergesse?
Nie - nie - auch im tiefsten Schmerz.

Uns hat ja der Schmerz geboren,
Und Schmerz ist unser Glück,
Wir haben im Schmerz uns verloren
Und fanden im Schmerz uns zurück.

Nun mögen die Wogen sich türmen,
Ich höre es klingen: Du!
Ich lausche den brausenden Stürmen,
Darinnen jubelt es: Du!

Ein Arbeiter an seinen Sohn

Sohn, mein Sohn, nun rüste dich,
wappne dich mit Lebensmut!
Deine Kinderzeit erblich,
in dir braust des Jünglings Blut.

Werd ein sturmgefeiter Riese,
brauche deine Eisenfaust,
träume nicht vom Paradiese,
wenn das Leben dich umsaust!

Steure frisch hinein ins Leben,
aus der Arbeit perlt dein Glück;
nur der wird sich Kränze weben,
dem die Zeit - der Augenblick.

Vorbild sei: wie ich geschafft
unentwegt ein Leben lang,
im Erfüllen meiner Kraft
zielbewußt den Hammer schwang.

Sohn, die Feueressen glühen,
ziehe an der Arbeit Kleid.
Wenn die Funken dich umsprühen,
halt den Hammer flugs bereit.

Dann darf nicht dein Mut zerreißen,
recke dich als rechter Schmied,
und du wirst das Eisen schweißen -
mächtig dröhnt dein Arbeitslied.

 

Werkgemeinschaft

Du, Bauer, der du hinterm Pfluge schreitest,
Ich schau´ dein Bild,und glühend fühle ich mit dir;
Wenn du dein Sinnen um die Scholle breitest,
Schwingt deines Schaffens ganze Welt in mir.

Ich steh´ in Glut und Rauch der dumpfen Schmiede
Und fühl` bei Funkensprung und Hammerschlag
Gemeinsamkeit in unserm Lebensliede,
Des steten Willens großer Arbeitstag.

Seh´ ich das Eisen glühend sich gestalten,
Dann fühl´ ich mich als Sämann groß und stark,
Ich seh´ die Pflanze sich aus ihrem Keim entfalten
Und fühl´ mein Blut in seinem Lebensmark.

Du bat`st um Tag, um Sonne, Tau und Regen,
Wenn um den Samen sich die Furche schloß;
Auch ich bat Gott um seines Lichtes Segen,
Wenn Schweiß wie Tau von meiner Stirne floß.

Versenk` auch du dich in den Kern der Flamme,
Die wie ein Lied aus meiner Esse sprüht;
Sie singt, daß du und ich von einem Stamme,
Daß eine Seele unser Sein durchglüht.

Du, Bauer, der du hinterm Pfluge schreitest,
Gedenke mein beim Werk am grünen Hag;
Mein Hammer blüht, wenn du mein Werk begleitest,
Gemeinsam feiern wir den Erntetag.

Christoph Wieprecht liest "Werkgemeinschaft"
Tondokument

 

 

 

Deutsche Nacht 1919

Laß, Kamerad, den Toten ihre Ruh;
ließ uns die Not ein großes, graues Tuch,
wir deckten all die Leiber und Maschinen zu,
in die das Schicksal tief die Tatze schlug,
wir hungernd Volk!

  Laß, Kamerad, senk nieder deinen Blick!
Gestorben ist die Schönheit, tot die Kraft,
ein Weinen zittert durch die Hallen der Fabrik.
Wozu hast du und ich geschafft
durch Jahr und Tag?

Durch Jahr und Tage bahnten wir den Weg
und drängten bebend aus dem Dunkel hin zum Licht
vom Mensch zum Menschen schlugen wir den Steg
und ahnten nicht des Eisens Schwergewicht,
das uns erschlug.

Noch einmal blicke auf; es fällt die Nacht,
die Bogenlampen blitzen durch den Bau;
sie leuchten nicht, versehn die Totenwacht;
hohläugig nur schleicht eine bleiche Frau -
Die deutsche Not.

Die deutsche Not, die unser Volk zerfrist;
sieh, Kamerad, die Presse dort verstaubt,
den Motor da und dort das Krangerüst,
die Riesenbank, die schaffensfroh geschnaubt.
Vorbei die Zeit.

Vorbei. Wir sind nur noch das Werkgerät,
Zu schaufeln auf dem Trümmerfeld.
Oh, daß ein Fünkchen Hoffnung wir erspäht -
doch nicht - nur Nacht - verzweifelt gellt
ein blutger Schrei . . .

Bilder von Georg Slyterman von Langeweyde

 

 

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